An Tagen wie diesen – Ein Museumstag im Indeland (21.06.2026)

„An Tagen wie diesen …“

Als im Zielbereich die Takte des Songs aus den Lautsprechern dröhnten, blieb ich stehen. Wie es sich für einen Triathleten gehört, stoppte ich natürlich zuerst meine Uhr. Dann schaute ich zu Kiki, meiner Mutter und Michael.

„Ich warte auf Anne. Sie kommt gleich.“

Ein kurzer Blick auf die Uhr. 4:29:30 Stunden. „Okay … krass. Was ist denn heute passiert?“ Doch zum Nachdenken blieb keine Zeit.

Gut eine Minute später bog meine Schwester auf die Zielgerade ein. Ich lief ihr ein paar Schritte entgegen, nahm sie an die Hand und gemeinsam überquerten wir die Ziellinie.

Den Rest sagen die Bilder mehr als Worte.

Aber von vorne.

Dass meine erste Mitteldistanz ausgerechnet beim Indeland Triathlon stattfinden würde, stand für mich schon lange fest. Ein Heimspiel eben. Ich kenne die Gegend, ich kenne die Strecke und wusste ziemlich genau, was mich erwarten würde. Gerade für die erste Mitteldistanz gab mir das ein gutes Gefühl.

Dabei wurde ich in den letzten Wochen vor dem Wettkampf zunehmend nervöser. Während die Form immer besser wurde, kletterten auch die Temperaturen. Die Wettervorhersage versprach bis zu 35 Grad – Bedingungen, die mir nicht liegen und auf die ich mich so gut wie möglich vorbereiten wollte.

Selten habe ich mich auf etwas so akribisch vorbereitet. Weder in der Ausbildung noch im Studium. Nachdem ich zwei Wochen zuvor noch leicht gekränkelt hatte, wurden die letzten Minuten von Radausfahrten wegen der kühlen Temperaturen kurzerhand nach drinnen verlegt. Auf der Rolle, mit langer Hose und Jacke, um die Hitze zumindest ansatzweise zu simulieren.

Ansonsten lief die Vorbereitung nahezu perfekt. Die Trainingswerte stimmten, die Einheiten fühlten sich gut an und damit wuchs auch der innere Druck. Irgendwann stand das Ziel fest: Sub 5 Stunden sollten es werden.

Der Wettkampfmorgen begann überraschend entspannt. Seit diesem Jahr wird der Indeland Triathlon per Rolling Start gestartet. Anstatt gemeinsam mit mehreren Hundert Athleten auf den Startschuss zu warten, ging es in kleinen Abständen ins Wasser. Das nahm dem Ganzen etwas die Hektik und sorgte für einen angenehmen Auftakt.

Etwa eine halbe Stunde vor meinem Start mussten noch schnell ein paar Haribo-Cola-Drops als letzte Energiequelle herhalten. Eine Entscheidung, die ich während des Schwimmens noch das ein oder andere Mal schmecken durfte. Das hat mir das Schwimmen zwischenzeitlich versüßt.

Der Schwimmkurs selbst ist ebenfalls nach meinem Geschmack: schnurgerade, eine Wende und wieder zurück. Keine komplizierte Navigation, sondern einfach schwimmen. Schon vor dem Ausstieg hatte ich das Gefühl, dass heute einiges zusammenpasst. Ein Blick auf die Uhr bestätigte das: etwas mehr als 32 Minuten – ein richtig guter Auftakt.

Wie jedes Jahr führte der Weg anschließend über die Rampe hinauf in die Wechselzone. Zeit, den Neo auszuziehen, einmal tief durchzuatmen und auf das Rad zu springen. Die ersten Kilometer durch das Seegebiet nutzte ich bewusst, um anzukommen. Position finden, trinken, verpflegen und den Körper langsam in den Rhythmus bringen.

Als die Strecke schließlich auf die langen Geraden am Tagebau führte, waren auch die Beine endgültig da.

„Jo, nehm ich.“

Von da an lief es einfach. Bei Temperaturen um die 28 bis 30 Grad fühlte es sich stellenweise an, als würde einem dauerhaft ein Föhn ins Gesicht blasen. So darf sich ein Heimspiel gerne anfühlen.

Am Ende standen 90 Kilometer mit einem Schnitt von 37,5 km/h auf dem Tacho. Vier Flaschen Wasser und eine Flasche Carbs später war klar: Die Vorbereitung auf die Hitze hatte sich ausgezahlt.

Der zweite Wechsel verlief zunächst genau nach Plan. Die Kappe wartete bereits in einer kleinen Wasserbox mit Eiswürfeln – einer der besten Lifehacks des Tages. Frisch gekühlt ging es auf die Laufstrecke und die ersten beiden Kilometer fühlten sich überraschend gut an.

Dann kam der Hitzehammer.

Mittlerweile zeigte das Thermometer bis zu 32 Grad und plötzlich lagen noch rund 17 Kilometer vor mir. Von da an bestand der Wettkampf aus kleinen Etappenzielen. Immer wieder gut zureden. Bis zur nächsten Verpflegung. Kühlen. Trinken. Weiter.

Zum Glück funktionierte genau das an jeder Station hervorragend. Wasser über den Kopf, in die Kappe und weiter. Triathlon wird an solchen Tagen nicht nur in den Beinen entschieden, sondern vor allem im Kopf.

Mitten auf der Laufstrecke kam dann der Moment, der den Tag für mich besonders machte. Mir lief Anne entgegen.

Vor dem Start hatte ich mir ehrlich gesagt etwas Sorgen um sie gemacht. Kurzfristig war für die Olympische Distanz ein Neoverbot ausgesprochen worden. Damit war ein großer Teil ihrer Vorbereitung plötzlich über den Haufen geworfen. Ich weiß, dass sie sich in solchen Situationen gerne mal selbst verrückt macht.

Als ich sie dann lachen sah und sie mir zuwinkte, wusste ich sofort: Das Schwimmen war gut gelaufen. Sie war voll im Rennen. Dieser kurze Moment nahm mir selbst noch einmal eine Menge Last von den Schultern und gab mir einen echten Schub. Ich war einfach unglaublich stolz auf sie.

Auf meiner letzten Laufrunde begegneten wir uns noch einmal. Diesmal rechnete ich kurz nach.

„Das könnte tatsächlich passen.“

Nach der letzten Wende hatte ich Anne vor mir auf der Strecke. Etwa 500 Meter vor dem Ziel lief ich zu ihr auf, überholte sie, nahm sie noch einmal in den Arm und wusste: Heute geht es nicht um jede einzelne Sekunde.

Im Ziel stoppte ich meine Uhr und wartete.

Gut eine Minute später bog Anne auf die Zielgerade ein. Ich lief ihr ein paar Schritte entgegen, nahm sie an die Hand und gemeinsam überquerten wir die Ziellinie.

Nach offiziellen 4:31:14 Stunden durfte ich mich über den 25. Gesamtplatz und Rang 3 in meiner Altersklasse freuen. Anne belegte auf der Kurzdistanz den 10. Platz ihrer Altersklasse.

Das sind die Zahlen.

Viel wichtiger ist aber, dass sich dieser Moment wahrscheinlich nie wieder genauso wiederholen lässt. Zwei unterschiedliche Distanzen. Zwei starke Rennen. Ein gemeinsamer Zieleinlauf.

Genau deshalb war es ein Museumstag.

Und während im Hintergrund noch immer „An Tagen wie diesen“ aus den Lautsprechern klang, hätte dieser Tag keinen passenderen Soundtrack haben können.

Manche Erinnerungen gehören nicht ins Regal. Sondern ins eigene Museum.

Toller Bericht von Jabba