Am 2. August stand für mich der Scharmützelsee-Triathlon in Bad Saarow auf dem Programm. Wunderbarer Sonnenschein, rund 24 Grad, eigentlich beste Bedingungen. Mein Trainingszustand passte allerdings nur bedingt dazu.
Seit der Geburt meiner Tochter im vergangenen Jahr hat sich mein Training deutlich verändert. Gelaufen wird derzeit meistens zwischen 5 und 6 Uhr morgens. Tempoläufe gibt es nur, wenn im Wald Wildschweine auftauchen. Längere Radausfahrten finden praktisch nicht statt und das Schwimmtraining eher sporadisch. Dazu kommen inzwischen mehr als 100 Kilo Lebendgewicht. Die Voraussetzungen für sportliche Großtaten waren also überschaubar.
Entsprechend gering waren meine Ambitionen. Ordentlich durchkommen und möglichst noch Spaß dabei haben, das war der Plan.

Los ging es mit zwei Runden im Scharmützelsee. Für mich war das nach längerer Zeit mal wieder ein Massenstart mit dem üblichen Geprügel. Wegen des Neoverbots war es jedoch nicht ganz so schlimm, wie ich es schon bei anderen Wettkämpfen erlebt hatte. Der einzige Wettkampfvorteil üppiger Körperfülle zeigte sich nun bei dieser mitunter gewaltvollen Teildisziplin – die Schläge des überambitionierten Jungspundes auf meine Hüfte, erschienen mir wie die Flügelbewegungen eines Schmetterlings. So glitt ich wie der Wal durch den Piranha-Schwarm. Nach 31:17 Minuten war ich wieder an Land. Das war für meine Verhältnisse völlig in Ordnung, zumal meine Uhr anschließend behauptete, ich sei eher 1.600 als 1.500 Meter geschwommen. Die beste Zeit auf 100m betrug sagenhafte 51 Sekunden. Die Uhr war teuer, also glauben wir ihr.
Mein Fahrrad fand ich in der Wechselzone erfreulich schnell. Weniger erfreulich war der ziemlich lange Weg bis zum Radaufstieg. Der Versuch, eine längere Strecke in Radschuhen zu laufen, erzeugt einen Anblick, der relativ weit oben rangiert in einer Skala der Würdelosigkeit. Schnell ist man auch nicht. Ich hätte die Schuhe vorher am Rad befestigen können. Ich weiß jedoch, dass ich die Kunst mit einem 180er Puls bei voller Fahrt meine vom Schwimmen tauben Füsse in die Radschuhe zu friemeln, nicht beherrsche und nie beherrschen werde. No way.
Die ersten Kilometer aus Bad Saarow hinaus waren dann ziemlich holprig. Danach ließ sich der Rundkurs aber gut fahren. Zwei Runden waren zu absolvieren und nach 1:11 Stunden war auch dieser Teil geschafft. Bis dahin lief der Wettkampf erstaunlich ordentlich. Ok, die Latte war niedrig. Das Ziel war, nicht erschöpft oder sogar tot vom Rad zu fallen. Irgendwie hatte mich dann auch der Ehrgeiz meines knapp 20 Jahre jüngeren Ichs gepackt, hier möglichst einen Schnitt weit über 30 abzuliefern. Die Quittung erhielt ich dann natürlich bei der letzten Teildisziplin.
Dann kam nämlich das Laufen.
Oder besser gesagt: der Moment, in dem mein Körper in den Lava-Lampen-Modus schaltete.
Irgendwo auf dem Weg vom Fahrrad in die Laufschuhe muss die Batterie leer gewesen sein. Auf den zwei Laufrunden durch Bad Saarow bewegte ich mich gleichmäßig im Zeitlupentempo vorwärts. Ganz konstant und ohne Schmerzen. Das Interessante daran: Während die Geschwindigkeit eher für einen gemütlichen Sonntagsausflug sprach, befand sich mein Puls zuverlässig im roten Bereich. Mein Körper war also fest davon überzeugt, Höchstleistung zu vollbringen.
Nach 1:16 Stunde hatte ich schließlich auch die gut zehn Kilometer überstanden. Schnell war anders. Aber ich kam glücklich ins Ziel. An diesem Tag war das völlig ausreichend.
Auf dem Weg zurück zur Wechselzone kam mir Teamworkerin Jasmin, die an diesem Tag ebenfalls gestartet war, entgegen. Sie hatte ihren Wettkampf schon vor längerer Zeit mit einem unglaublichen vierten Platz in der Gesamtwertung der Frauen beendet und sah dabei auch noch ausgesprochen frisch und erholt aus. Herzlichen Glückwunsch!
Nachdem ich meine Sachen zusammengepackt hatte, schaute ich aus einer schrägen Neugier heraus bei den Ergebnislisten vorbei. Wie weit hinten bin ich wohl gelandet?
Und dann wurde es surreal. Ich war Berliner Meister. Altersklasse 50. Mangels Konkurrenz.
Nun habe ich in der Vergangenheit einige Wettkämpfe gemacht, auf die ich sportlich wirklich stolz war. Wettkämpfe, bei denen Vorbereitung und Leistung zusammenpassten und ich anschließend rundum zufrieden war. Für ein Podium hat es dabei nie gereicht.
Und ausgerechnet an diesem Tag, schlecht vorbereitet, über 100 Kilo schwer und mit einem abschließenden Lauf, bei dem vermutlich auch ambitionierte Spaziergänger ernsthafte Konkurrenz gewesen wären, werde ich Berliner Meister.
Also Siegerehrung.

Plötzlich stand ich auf dem Treppchen neben dem Brandenburger Meister und anderen Menschen, die deutlich eher nach Triathleten aussahen. Sportmaschinen. Halbgötter. Menschen, bei denen man schon beim bloßen Anblick ahnt, dass sie freiwillig Intervalle in der Mittagshitze laufen und alles opfern um hier beim Triathlon am Scharmützelsee Brandenburger Altersklassenmeister zu werden.
Dem Brandenburger Meister neben mir auf dem Podest bluteten die Füße! Er bekam als Siegprämie ein Handtuch. Berliner Altersklassenmeister bekommen nichts. Nicht einmal ein Handtuch.
Vielleicht war ich deshalb der einzige Starter in meiner Altersklasse? Alles in allem war es ein schöner Wettkampf. Alles war gut organisiert. Alle Leute waren freundlich. Das Wetter stimmte und Spaß hatte ich auch. Das Schicksal hatte es gut mit mir gemeint und mir einen Platz auf dem Podest gegönnt und ich dachte immer ich müsste 65 Jahre werden, bis ich das mal schaffe.
Bericht von Christian

